Von Hans Peter K i p p (Texte) und Stefan H ö r t t r i c h (Fotos)
B i e l e f e l d (WB). Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.
Eine Redensart diente als Motto des 30. Hermannslaufes. Zwar
lieferten sich die beiden ostwestfälischen Favoriten, Ingmar Lundström
(Active Sport Shop) und Carsten Thoma (Non-Stop-Ultra Brakel),
den erwarteten Zweikampf. Doch den Sieg beim Lauf-Spektakel
vom Hermannsdenkmal zur Sparrenburg stahl ihnen am Sonntag ein
"Auswärtiger": Mit Rene Witt von der SG Adelsberg triumphierte ein
Läufer, den niemand auf der Rechnung hatte - und auch gar nicht
haben konnte. Denn Witt hatte sich erst am Samstag für einen Start
beim 30,7 km-Lauf "ummelden" lassen.
"Ein Sachse hat gewonnen!"
Unter dem nicht zu überhörenden
Jubelgeschrei seines Tempomachers Karl-Heinz Preschner, der
den in Oeslnitz im Vogtland lebenden Läufer auf dem Mountainbike
begleitet hatte, überquerte der
30-Jährige nach 1:46:35 Stunde
unter dem begeisterten Applaus
von rund 8 000 Zuschauern als
Erster die Ziellinie.
Er blieb damit über der Zeit des
verletzten Vorjahressiegers Marcus Biehl; lag aber 40 Sekunden
vor dem Zweitplatzierten Lundström, der damit die Wiederholung
seines Triumphes von 1999 knapp
verpasste. Grundlage von Witts
Erfolg war neben der läuferischen
Qualität auch die Taktik. Nachdem er zunächst gemeinsam mit
Thoma ("Der Rene hat sich netterweise etwas zurückgehalten") an
der Spitze gelaufen war, attackierte Witt ungefähr zwei
Kilometer vor den Lämershagener
Treppen und holte sich dort den
entscheidenden Vorsprung von
rund 400 Metern.
Diese Stelle hatte er 24 Stunden
zuvor ausgekundschaftet, als er
sich mit dem Profil der ihm bis
dahin völlig unbekannten Strecke
vertraut gemacht hatte. "Ich suche
mir immer einen bestimmten
Angriffspunkt aus, meistens auf
den ersten Kilometern. Aber hier
kannte ich mich ja gar nicht aus",
sagte Witt nach seinem Triumph.
Zwar kamen Lundström und
Thoma mit vereinten Kräften noch
einmal näher heran, doch auf den
letzten Kilometern hatte der Mann
aus Sachsen die größten Reserven.
Lundström, der bewusst etwas
zurückhaltend angegangen war,
verwies Thoma noch auf Rang
drei. "Rene und Imgmar waren
heute einfach stärker. Das muss
man akzeptieren", sagte der Bad
Driburger, der sich mit seinen
Kollegen von Non-Stop-Ultra
Brakel mit dem Sieg in der Mannschaftswertung trösten durfte. Das
neongelbe Quintett aus dem Kreis
Höxter verwies die SV Brackwede
auf den zweiten Platz.
Nur eine war die ganze Zeit vom
Sieg des Läufers mit der Startnummer 1972 überzeugt. Witts
Freundin Regina Büttner wirkte
schon früh recht siegessicher.
"Rene lässt sich nicht so gerne
überholen", begründete sie ihre
Zuversicht. Mangels sonstiger
Informationsquelle wurde sie nach
Bekanntgabe der ersten Zwischenresultate zur beliebten
Auskunftsstelle: Und schnell wurde deutlich,
dass das "unbeschriebene Blatt" in
seiner Heimat eine "große Nummer" ist. So ist Witt sächsischer
Meister im Marathon und Halbmarathon, gewann im vergangenen
Jahr den Rennsteig-Lauf über
30 Kilometer und belegte beim
Dresden-Marathon den zweiten
Platz. Trainiert wird er von Heiko
Schinkitz, der in den 8Oer-Jahren
einer der großen DDR-Langstreckler war und später in seiner
Altersklasse Welt- und Europameister wurde. Er war es auch, der
Witt den entscheidenden Tipp gab:
"Mach den 'Hermann' als Vorbereitung für den Rennsteiglauf."
Über die Schwierigkeiten, die
sich hier in Ostwestfalen-Lippe
den Aktiven in den Weg stellen,
staunte er jedoch nicht schlecht.
"Ich würde sagen, dieser Lauf ist
vom Profil her der härteste."
Und selbstverständlich wolle er,
wenn nichts dazwischen komme,
in 2002 seinen Titel verteidigen.
Für die heimischen Läufer dürfte
es also schwierig werden, "ihren"
Kultlauf künftig zu gewinnen.
Foto:
Endlich eingeholt: Carsten Thoma (links) und Ingmar Lundström konnten
Hermannslauf-Sieger Rene Witt erst im Ziel das Wasser reichen.