Von Jürgen V a h l e (Text) und Christian W e i s c h e (Fotos)
B i e l e f e l d (WB).
»Heute wird es keine Bestzeiten geben«,
prognostizierte Udo Brand-Hüdepohl, Trainer beim SV Brackwede,
gestern vor Beginn des 31. Hermannslaufes. Diesmal irrte der
Laufexperte. Fast 7000 Sportler machten sich bei peitschendem
Dauerregen vom Hermannsdenkmal in Detmold in Richtung Sparrenburg auf.
Und die 30,6 Kilometer durch den Teutoburger Wald wurden zu
einer wahren Schlammschlacht. Vorjahresgewinner René Witt (LG
Vogtland) bezwang die Strecke in 1:43,09 Stunden - schneller hat
den Hermannslauf noch niemand beendet. »Das war ein Rennen
nach Maß«, kommentierte Witt seinen glanzvollen Sieg. Bei den
Frauen holte sich Geheimtipp Ricarda Botzon den Titel. Die
Ultra-Langstreckenläuferin aus Niedersachsen siegte in 2:06,35 Stunden.
Der Schlamm klebte René Witt
nach dem Zieleinlauf am ganzen
Körper. Seine zahlreichen
Tätovierungen an den Armen waren
vor lauter Dreck nur noch
schemenhaft zu erkennen. Dennoch
strahlte der Gewinner. Und dies
vohl nicht nur wegen seiner
glanzvollen Zeit. Ebenfalls große
Genugtuung dürfte dem Sachsen
die Tatsache bereitet haben, dass
er seinen ehemaligen Coach Heiko
Schinkitz auf den zweiten Patz
verweisen konnte.
Schinkitz und Witt beendeten
zuletzt ihre Zusammenarbeit nach
Unstimmigkeiten. Trotz der Tatsache,
dass Schinkitz 14 Jahre älter
als sein ehemaliger Schüler ist,
lieferten sich die beiden zumindest
bis Kilometer 20 ein, Kopf-an-
Kopf-Rennen. Erst dann baute der
spätere Gewinner seinen Vorsprung
Zug um Zug aus. Vorher
hatte Witt, der die Hermannslaufstrecke
aus dem Vorjahr noch.
kannte, einen guten Tipp für den
ärgsten Konkurrenten. »René hat
mir den Rat gegeben, mir noch
Kräfte für das Ende aufzusparen.
Er hatte recht, da ging es noch
mal ganz schön hoch«, berichtete
Schinkitz nach dem Rennen. Auch
im nächsten Jahr will der M45-
Sieger der Halbmarathon-DM am
Hermannslauf teilnehmen.
Bei den Frauen lief Ricarda
Botzon ein einsames Rennen bis
zum Sieg. Mit mehr als drei
Minuten Vorsprung verwies sie
Sonja Schade (SV Brackwede) und
Katjana Quest-Altrogge (TG Lage)
auf die Plätze. Dass es überhaupt
eine so schnelle Frau vor ihnen
gab, überraschte die geschlagenen
Frauen. »Auf der Strecke konnte
uns keiner sagen, ob schon eine
Läuferin vor uns vorbeigekommen
ist. Schade sonst hätte ich
vielleicht noch einige Kräfte mehr
freisetzten können«, kritisierte die
Viertplatzierte Annegret Gröppel
(Non-Stop-Ultra Brakel).
Keine Siegchancen hatten die
ostwestfälischen Läufer. Marcus
Biehl (SV Brackwede) kam als
Bester aus der Region auf den
dritten Platz. »Die Sachsen laufen
in einer ganz anderen Klasse. Ich
bin für mich das Rennen meines
Lebens gelaufen«, resümierte
Biehl. Kein Wunder, immerhin
war er gestern noch acht Sekunden
schneller als bei seinem Sieg
im Jahr 2000.
Etwas ärgerlich über die starke
Konkurrenz aus Ostdeutschland
was der zum Favoritenkreis
zählende Carsten Thoma (NSU Brakel).
»An die Beiden ist nicht
ranzukommen, die gehören zur
erweiterten deutschen Spitze und
sind keine Amateurläufer wie wir.
Es wird immer schwerer, beim
Hermannslauf eine gute Platzierung
zu erreichen. In Zukunft
muss ich mir überlegen, ob ich
hier noch laufe!«
Trotz des Dauerregens zog Horst
Szuba vom Veranstalter TSVE
1890 Bielefeld gestern Nachmittag
ein positives Fazit: Unsere Logistik
ist voll aufgefangen - vom
Start am Hermannsdenkmal bis
zur Sparrenburg. Und auch der
Bustransfer lief ohne Probleme.
Ein großes Lob an die Läufer, die
waren alle sehr diszipliniert.«
In Sachen Teilnehmerzahl waren
sich Veranstalter und Läufer
aber einig: Des Ende der Fahnen
stange ist jetzt, mit 7000 Teilnehmern,
erreicht. Für mehr ist beim
Start am Hermann und bei der
Ankunft an der Sparrenburg
einfach kein Platz.
»Das war Das Rennen meines Lebens.«
Marcus B i e h I (SV Brackwede), Dritter in persönlicher
Bestzeit
Foto:
Lorbeeren für die Siegerin: Ricarda
Botzon, die für das Deutsche
Lauftherapiezentrum Bad Lippspringe an
den Start ging, ist Hermannslauf-Gewinnerin 2002.
Zuletzt gewann sie
den unterirdischen Marathon im
alten Elbtunnel in Hamburg. Seinen
Titel bei den Männern verteidigte
René Witt (Mitte, LG Vogtland). In
der schnellsten Zeit die jemals bei
einem Hermannslauf abgeliefert wurde,
verwies er seinen ehemaligen
Trainer Heiko Schinkitz (links, SG
Adelsberg) und den Lokalmatador
Marcus Biehl (SV Brackwede) auf die
Plätze zwei und drei.