Bielefelder Tageszeitungen:
Westfalen-Blatt, Nr. 98 vom Montag, den 28. April 2003
Artikel der Sport-Sonderseiten zum Hermannslauf
Sieger mit bester Taktik - Haare als Schachbrettmuster gefärbt
Brouwer setzt die Gegner matt
Von Hans Peter T i p p (Text) und Stefan H ö r t t r i c h (Fotos)
B i e l e f e l d (WB).
Die Haare als Schachbrettmuster gefärbt - so
stürmte der Münsteraner Philip Brouwer gestern zu seinem ersten
Hermannslauf-Sieg. Mit gerade einmal 20 Jahren ist der Lehramtsstudent
(Sport/Sozialwissenschaften) einer der jüngsten Sieger aller
Zeiten beim Teilnehmerstärksten Lauf der Region. 6900 Aktive hatten
gemeldet, 6000 gingen unterhalb des Hermannsdenkmals auf die
30,6 km lange Reise entlang des Teutoburger Waldes. Aber dem
Bergspezialisten Brouwer konnte niemand folgen. An den Lämershagener
Treppen zog er unwiderstehlich an. »Dort wird die Entscheidung
fallen«, hatte Top-Favorit Ingmar Lundström vorher gemutmaßt.
Er sollte Recht behalten. Doch er selbst hatte »an einem schlechten
Tag« (Lundström) mit dem Rennausgang nichts mehr zu tun.
Brouwer gewann vor dem 29
Jahre alten Thomas Böckenholt
(ESV Münster), der seinen zehnten
Hermannslauf absolvierte, und
dem für TriSpeed Marienfeld startenden
41 Jahre allen Lauf-Routinier
Carlton James. Der Engländer
hatte sich gewissenhaft wie nie
zuvor auf die 32. Auflage des
ostwestfälisch-lippischen
Laufspektakels vorbereitet und doch
konnte er dem leichtfüßigen
Youngster nicht folgen.
»Bis zu den Treppen waren wir
zu viert«, berichtete Thomas
Böckenholt vom entscheidenden
Moment in einem der spannendsten
Hermannsläufe aller Zeiten,
»Ingmar ist abgefallen, Carlton und
ich haben uns angeschaut und
waren uns einig: Philip Brouwer
ist heute zu stark. Jetzt dürfen wir
uns bloß nicht platt laufen.«
Von diesem Zeitpunkt an durfte
sich der Mann mit der markanten
Frisur auf seinen ersten Triumph
unterhalb der Sparrenburg vorbereiten.
Und Brouwer genoss jeden
Meter, obwohl er kurz vor der
Promenade noch einen kurzen
»Hänger« hatte. »Aber dann kam
ja schon der Jubel, der hat mir
geholfen.« Dass es zwischen
Hermannsdenkmal und Sparrenburg
auch anders laufen kann, hatte der
frühere Fuß- und Volleyballer, der
sich erst seit vier Jahren dem
Laufen verschrieben hat, im Vorjahr
schmerzlich erfahren. Da
hatte ihn eine Magen- und
Darmgrippe vom rechten Weg
abgebracht: Ich musste früh in den
Wald und habe dabei schon fünf
Minuten verloren«, berichtete er
gestern lächelnd von seinem
Vorjahres-Missgeschick. Dennoch
kam er damals als Zehnter an.
Viele hatten ihn deshalb in diesem
Jahr auf der Rechnung, zumal
er seine läuferischen Fähigkeiten
mit einem fünften Platz als bester
Deutscher bei seinem ersten
Marathon im Herbst in Münster
bewiesen hatte. Gestern reihte sich
Brouwer vom Start weg selbstbewusst
in die Führungsgruppe ein,
die schnell aus den späteren drei
Erstplatzierten und dem Triathleten
Ingmar Lundström bestand.
Und immer, wenn es bergauf
ging, machte Brouwer Druck:
»Einerseits wollte ich in der Gruppe
laufen, andererseits weiß ich, dass
ich gut die Berge rauflaufen kann.
Deshalb habe ich an diesen Stellen
Tempo gemacht.« Und das war
eindeutig zu schnell für alle anderen.
Für Brouwer, der natürlich im
kommenden Jahr seinen Titel
verteidigen möchte, geht der Blick
nun in Richtung Berlin. Beim
größten deutschen Marathon will
er im September zeigen, dass er
mit 20 Jahren noch langst nicht an
der Grenze seiner Leistungsfähigkeit
angelangt ist.