Bielefelder Tageszeitungen:
Neue Westfälische, Nr. 97 vom Montag, den 27. April 2009
Artikel der Hermannslauf-Sonderseiten
Musik, Melone, Muskelkater
Wie Sportvolontär Johannes Pöhlandt (25)
seinen ersten Hermann erlebt
Bielefeld. Beim Hermann ist nichts normal. Im Gymnasium
am Waldhof, wo am Morgen die Startnummern ausgegeben werden,
ist die Schlange vor der Herrentoilette länger als die vor
dem Damen-WC. "Hermann hat sich vor der Schlacht
am Teutoburger Wald bestimmt auch noch erleichtert",
witzelt ein Läuferkollege hinter mir.
Ich werde es vor meiner ersten Hermann-Schlacht genauso
machen. Allerdings habe ich keine Lust, 15 Minuten zu warten,
und steige in den Bus nach Detmold. Beim Gespräch mit
meinem Sitznachbar Dirk Mittermüller (43) aus Bünde kommen
zahlreiche Gemeinsamkeiten ans Licht. Wir beide wollen
in diesem Jahr unseren ersten Marathon laufen, geben heute
unser Hermann-Debüt und haben uns drei Stunden als Richtzeit
gesetzt. "Das Wichtigste ist, dass man gut vorbereitet ist",
sagt Dirk.
Ich bilde mir ein, genügend Kilometer in den Beinen zu haben.
Aber das beste Training nützt nichts, wenn man nicht mit
möglichst geringer Masse an den Start geht. Zum Glück sind
die Schlangen vor den Dixie-Klos am Hermannsdenkmal
noch kurz. Trotzdem dauert es lange, bis ich an die Reihe
komme. "Wenn die so langsam laufen, wie sie ihr Geschäft
verrichten, wird das heute nix", meckert ein Kollege neben mir.
Harndrang und Durst sind wohl Zeichen von Nervosität. Soll ich
noch einen Schluck trinken? Oder führt das nur zu Magenkrämpfen?
Verdammt, es wird Zeit, dass es losgeht.
Um 11.15 Uhr fällt für mich der Startschuss. Der Hermann
kehrt uns Läufern seinen Rücken zu. Eine Frechheit. Dafür
entschädigt das Gefälle auf den ersten drei Kilometern. So
könnte es bleiben. Doch schon bald fällt mir das Atmen schwer.
"Das gibt heute wieder Staub ohne Ende", hatte jemand im
Bus gesagt - fürwahr. Ich halte mir die Hände vor Augen und
Mund, um mich zu schützen. Wegen des Staubs wird mein
Mund trocken, die erste Verpflegung an der Panzerbrücke
kommt gerade recht.
Den Tönsberg erklimme ich erstaunlicherweise problemlos,
das Volksfest in Oerlinghausen ist der Lohn. Krachende Musik
erfüllt die Straße. "Gemma Bier trinken" - gerne, aber erst am
Abend. Beim Laufen bevorzuge ich Wasser, um die Schmerzen
in den Beinen zu lindern. Auf T-Shirts von Zuschauern lese
ich den Spruch "Wo Schmerzen sind, da ist noch Leben".
Und wie ich lebe! Obwohl mir Anwohner des Wandweges ein
Stück Wassermelone gereicht und eine Dusche aus dem
Gartenschlauch verpasst haben, zieht es mir auf den Lämershagener
Treppen die Schuhe aus. Ich brauche einige Minuten, um danach
wieder in Schwung zu kommen. Und siehe da - es sind sogar
noch Körner übrig. Ich verschärfe das Tempo, Freunde unter
den Zuschauern an der Promenade geben mir den letzten Kick.
Die Uhr stoppt bei 2:58:39 Stunden.
Erst als mich im Ziel hinhocke, nehme ich das Ausmaß der
Erschöpfung wahr. Die Beine versagen fast ihren Dienst. Der
Muskelkater in den Oberschenkeln wird mich wohl noch einige
Tage begleiten. Der Hermann ist eben alles - nur nicht normal.
Fotos:
Johannes Pöhlandt im Ziel.
Erschöpftes Lächeln | FOTO: STEFAN GEROLD